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Rede von Anja Hirschel auf der

Seebrücke Ulm: „Luftbrücke jetzt“

 

Die Rede von Anja Hirschel zur Situation:

Warum stehen wir heute Abend auf dem Münsterplatz?
Weil Menschen in Not sind, weil Menschen sterben und wir nicht wegsehen.
Auch wenn oder gerade weil die Bilder aus Kabul so furchtbar sind die uns erreichen.
Vor Panik trampeln sie übereinander, manche liegen erschossen auf offener Straße und ganz Verzweifelte versuchen sogar,
einen Halt auf den Fahrgestellklappen oder Turbinen eines großen, bereits vollen Flugzeuges zu finden in der Hoffnung, dem Terror und Schrecken zu entkommen.
Diese Menschen in den Tod stürzen zu sehen, zu hören dass nach der Landung „human remains“ in den Radkästen gefunden wurden,
dass aus einem Flugzeug heraus sogar bereits ein Gestorbener Mensch zu sehen war der noch immer an der Turbine fest hängt das ist erschreckend.
Ich mag mir gar nicht ausmalen wie traumatisierend das sein muss.
Wir können nicht wissen ob sie sich in dieser Ausnahmesituation bewusst waren, dass sie es nicht überleben würden.
Ob dies ein selbst gewählter aber furchtbarer, tödlicher Ausweg vor Terror und Folter war.
Ob sie gehofft haben es irgendwie zu schaffen.
Was wir wissen ist, das Menschen grausam sterben. Und das keiner der dort Verbliebenen weiß ob sie den kommenden Tag noch erleben werden.
Wer dabei nicht mit leidet hat kein fühlendes Herz.

Wie konnte es dazu kommen?

Ende Juni wurde der Antrag der Opposition im Bundestag, die afghanischen Helfer vor Ort zu evakuieren und schnelle und kulante Regelungen zu erlassen
von den Regierungsparteien abgelehnt. Weil man das so macht. Es war ja schließlich ein Antrag der Opposition.
Dieses Verhalten hinterlässt mich komplett fassungslos.

Stattdessen wurde den Hilfskräften vor Ort geraten, sie sollten in Kabul einen Ausreiseantrag stellen, wer das Land auf anderem Wege verließe z.B. auf dem Landweg
verlöre seine Berechtigung auf ein Visum.
Regierungssprecher Steffen Seibert sagte noch Anfang Juli
„Wir werden denen helfen – und helfen ihnen schon – die uns geholfen haben (…) und wir kennen die Verantwortung, die wir für diese Menschen haben.“
Und die Menschen haben dies geglaubt. Wie viele werden dies nun mit dem Leben bezahlen?

Auch die deutsche Botschaft warnte vergeblich schon wochenlang vor einer Gefährdung ihres Personals.

Am 13. August, das war der vergangene Freitag schrieb Enno Lenze (Journalist und Kriegsberichterstatter):
„Wenn ihr noch westliche Leute in Afghanistan habt die raus müssen: In alles springen was Flügel hat. In 48h ist Kabul weg.“

Die Bundeswehrmaschinen standen im Fliegerhorst in Wunstorf zum Abflug bereit – und warteten darauf starten zu dürfen.
Und erst am Montag Nacht konnte eine erste Maschine kurz in Kabul landen. Wertvolle Zeit ist durch politische Entscheidungsträger vergeudet worden. Zeit, die Menschenleben gekostet hat.

Noch am Sonntag sprach u.a. Roderich Kiesewetter in einem Diskussionspanel der PirateSecon davon, dass die Ortskräfte dringend heraus geholt werden müssen.
Dass es unfassbar ist, wie sie im Stich gelassen werden.
Am Montag berichtete Markus Grotiam im ZDF heute journal davon, dass die „Safe houses“ aufgelöst werden mussten um nicht zu Todesfallen zu werden.
und er sagte ganz klar „Unrealistisch, dass die rauskommen.“
Marietta Slomka sprach mit unserem Außenminister Heiko Maas: „Der VISA-Prozess war so kompliziert dass niemand herankommen konnte“.
Und bekommt als Antwort Phrasen, alle formuliert im „wir haben…“ „wir hätten…“ Keine persönliche Verantwortung. Nichts.

Nun versuchen Fallschirmjägereinheiten, die französische Antiterroreinheit RAID und andere unter Einsatz ihres eigenen Lebens, Menschen wenigstens bis zum Flughafen zu bringen.
Denn die Straßen sind nicht sicher, wer mit den notwendigen Papieren für den Abflug erwischt wird trägt sein eigenes Todesurteil bei sich.
Ich wünsche allen Einsatzkräften eine sichere Heimkehr und viel Erfolg in ihrer lebensrettenden Mission.

Und wenn währenddessen ein Herr Laschet, der noch am Wochenende hören ließ, man könne nicht „alle quasi aufnehmen“
nun von einer Aufnahmegarantie für Afghanen spricht „nachdem er gewählt wäre“ und nun Hilfe vor Ort verspricht dann wird mir schlecht davon.
Das ist einfach nur noch zynisch und unerträglich.

Heute Mittag hat die UN die Taliban aufgefordert eine Regierung zu bilden die auch Frauen einschließt. Sie haben die Taliban also als Ansprechpartner akzeptiert.
Währenddessen sind mutige Reporterinnen wie Clarissa Ward weiterhin auf Kabuls Straßen unterwegs, sprechen soweit möglich mit den Menschen und berichten live von dort.
Wer weiß wie lange dies noch möglich ist.

Was mich besonders erschreckt hat: Die Taliban haben Zugriff auf umfassende biometrische Datenbanken und die entsprechende technische Ausrüstung der Amerikaner erlangt.
Es ist ein mächtiges Werkzeug um unliebsame Menschen effektiv aufzuspüren. Sich dem zu entziehen ist kaum möglich.
Das Ausmaß dessen, was das wirklich bedeutet wird sich erst noch erschließen.
Wie oft muss es noch gesagt werden:
Erlaube deiner liebsten Regierung nur das, was Du auch der am schlimmsten denkbaren Regierung erlauben würdest.

Für heute bin ich froh und dankbar darüber, dass zumindest ein Teil der Menschen bereits gerettet werden konnte.
Ich wünsche mir, dass unsere Bundespolitik durch die öffentlich auch klar sichtbare Anteilnahme mit den Menschen in Afghanistan alle Kräfte mobilisiert um zu helfen.
Und denen die nun erst einmal keine Heimat mehr haben hier bei uns Sicherheit und neue Perspektiven bietet.
Und zwar über ihre *Entschuldigung* blöde Liste mit nur direkt angestellten Helfern und daher berechtigten hinaus.
Packt die Flugzeuge voll mit jedem der von dort schnell flüchten muss.
Ermöglicht geregelte Wege über Land ohne Verlust der Visaberechtigung.
Und zu guter Letzt , liebe Bundespolitiker, denkt erst an die Menschen bevor ihr über Wahlkampf, Rohstoffe und Wirtschaftsbeziehungen nachdenkt.

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